Alte Karren und tiefe Gespräche – unterwegs in Mittelfranken

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Mitte Mai verbrachten wir ein Wochenende in Mittelfranken. In der ersten Nacht standen wir in einer coolen Sandgrube, dann ging es weiter an den Rothsee. Hier der Logbucheintrag:

Donnerstagnachmittag: Puh was für ein schöner aber doch anstrengender Vormittag! Der Kindergarten meiner Tochter veranstaltete heute den jährlichen Familenwandertag. Wie auch im letzten Jahr wanderten wir dabei zu uns nach Hause ins Grüne und schmissen auf der Terrasse den Grill an. Als mein Mann nach Hause kommt bin ich völlig erschöpft. Trotzdem entscheiden wir uns spontan: Wir fahren heute noch weg! Während ich beginne den Mowag zu packen, telefoniert mein Mann mit seinen Eltern. Wir brauchen einen Hundesitter. Die Sache ist schnell bebongt, der Mowag ebenso schnell gepackt und wir brechen auf.

Nach einer Stunde Fahrt wird die Hundedame bei „Oma und Opa“ ausgesetzt. Ein bisschen unwohl fühle ich mich dabei schon denn sie ist läufig und verliert mehr Blut als ich das von ihr kenne. Seit ein paar Tagen ist sie auch sehr antriebslos und liegt überwiegend in ihrem Korb. Aber meine Schwiegereltern sind hunde-erfahren und werden das schon schaukeln.

Ein bisschen später landen wir in einer alten Sandgrube in Mittelfranken. Ein schöner Platz. Unsere Tochter ist trotz der späten Uhrzeit noch gut gelaunt und buddelt ein wenig im Sand, bevor sie schlafen geht. Ich beobachte einen traumhaften Sonnenuntergang und die Kröten geben ein Privatkonzert.

Freitagmorgen: Ich habe super geschlafen und fühle mich total erholt. Um sieben Uhr starte ich mit meiner Yogapraxis in den Tag. Das Meditieren fällt mir heute etwas schwerer, mein Geist ist unruhig.

Etwas später brechen wir auf, unser eigentliches Ziel haben wir schließlich noch nicht erreicht. Unterwegs wird getankt, eingekauft und geschlafen. Während der Fahrt fallen mir nämlich schon wieder die Augen zu obwohl ich ja so gut geschlafen hab! Der Mowag hat eine wahnsinnig beruhigende Wirkung auf mich. Wenig später kommen wir am Rothsee an.

Freitagmittag: Hmm ja. Idyllisch geht irgendwie anders. Der Campingplatz des Rothsee entpuppt sich als asphaltierte Fläche mit ein paar schmalen Grünstreifen dazwischen. Das passt schon, ist aber kein Hauptgewinn. Wir richten uns ein und machen lecker Brotzeit mit frischen Laugenstangen. Gegenüber steht ein weiteres altes Fahrzeug. Es trägt mehrere verschiedenfarbige Lacke und die Kleidung des langhaarigen Besitzers ist offensichtlich darauf abgestimmt. Irgendwie passt der genauso wenig hier her wie wir.

Freitagnachmittag: Wir springen ins kühle Nass, beobachten Surfer und kleine Boote. Zurück am Mowag koche ich mir frischen Tee und schließe dabei ganz alleine ohne Hilfe den Gaskocher an. Ich bin stolz, dass ich mich an Neues wage. Außerdem hat mein Mann einen Anschluss für die Wasserkanister gebastelt. Nun müssen wir die schweren Teile nicht jedes Mal raus- und wieder rein heben. Eine ganz simple Lösung, die mich strahlen lässt.

Als wir ein zweites Mal baden gehen, fühle ich mich nicht mehr so wohl. Der ganze See scheint auf einmal vollgestopft mit Menschen und Surfbrettern. Ein paar „Beachboys“ sehen zwar bilderbuchmäßig aus, mit ihren Brettern scheinen sie aber noch nicht all zu vertraut zu sein. Zahlreiche Jogger in modernen Sportklamotten drehen ihre Runden und ich habe den Anschein als würden sie das nur tun um Stoff für den nächsten Instagrampost zu haben. Am Badestrand zähle ich knapp 50 Shishas und Brüllwürfel geben ihr Bestes, mal mehr mal weniger erfolgreich, ihre Besitzer mit Dance Sounds zu beschallen. Ich fühle mich hier völlig verkehrt!

Wir ziehen uns in die Nähe des Spielplatzes zurück. Die Räubertochter geht toben, mein Mann schläft auf der Wiese ein. Ich nutze die Gelegenheit und übe ein paar Asanas auf der Wiese. Nicht im neusten Yoga-Dress sondern in den Klamotten, die ich eben gerade trage. Gut tut es trotzdem 😉

Zurück am Mowag stelle ich fest, dass sich auch hier etwas verändert hat. Es herrscht Stop and Go. Die Wohnmobile kommen und fahren im Minutentakt. So richtig entspannend ist das irgendwie nicht mehr.

Freitagabend: Ich sitze vor dem Mowag in meinem Campingstuhl. Ich schreibe Tagebuch. Hin und wieder blicke ich auf und beobachte das Treiben, das nicht nachlässt. In meinem Tagebuch verbuche ich es unter „interessant“ statt es weiter zu bewerten. Die „Politesse“ schleicht schon ein zweites Mal um einen VW Camper rum, der offensichtlich kein Parkticket gelöst hat. Ich krame etwas Kleingeld aus meiner Tasche und löse ein Ticket, bevor der VW Fahrer Strafe zahlen muss. Etwas später spottet er wie blöd es doch ist, dass der Automat ausschließlich Kleingeld annimmt und ich frage mich, wie er wohl größere Probleme seines Alltags löst wenn das Beschaffen von Kleingeld schon eine Herausforderung darstellt. Erneut fühle ich mich verkehrt hier. Dennoch bedankt er sich und ich freue mich, dass ich helfen konnte.

Samstagmorgen: Mein Mann stellt fest, dass man hinter der asphaltierte Fläche auf einer Wiese stehen darf! Juhu! Prompt ziehen wir mit dem Mowag um und fühlen uns augenblicklich wohler. Abseits vom Getümmel spiele ich mit der Räubertochter Uno, koche Tee und widme mich einer kleinen Asana Praxis. Anschließend gehen wir planschen, gönnen uns Pommes und Eis zum Nachtisch. Egal. Heute wird geschlemmt.

Samstagmittag: Als wir zurück kommen hat sich ein älteres Wohnmobil zu uns gesellt und der Fahrer kommt schon aufgeregt auf uns zugelaufen. „Gehört der Euch? Der ist ja total geil!“, ruft er. Wir quatschen ein wenig und Uwe und seine Begleitung Ariane laden uns zum gemeinsamen Grillen am Abend ein bevor mein Mann, Tochter und ich am Kanal spazieren gehen. Wir halten die Füße ins Wasser und ich flechte Blumen ins Haar. So lässt sichs aushalten.

Samstagabend: Uwe hat wie vereinbart den Grill angeschmissen, Ariane schnibbelt Grünzeug für den Salat und schiebt unserer Tochter „heimlich“ immer wieder ein paar Kekse zu. Die strahlt und lacht und ist schnell ganz dicke mit Ariane. Nur blöd, dass man als Kind immer so viel früher ins Bett muss als die Erwachsenen. Unruhig schläft sie ein.

Wir „Großen“ unterhalten uns gut. Uwe und Ariane erzählen, dass sie mit einem alten Mercedes unterwegs waren, den sie aber nach dem zweiten Motorschaden schweren Herzens hergaben. Ein neues Reisefahrzeug musste her. „… und man ist halt jetzt auch schon etwas älter. Ein bisschen mehr Komfort und Platz ist schon schön“, lacht Ariane, die Wohnmobile immer spießig fand. „Wenigstens ist es ein älteres Model und keine Weißware.“, fügt sich noch hinzu.

Während Uwe und mein Mann über Politik quatschen, ziehe ich mich zum Telefonieren zurück. Meine Schwiegermama schrieb eine Nachricht, dass es der Hundedame nicht gut geht. Wir telefonieren und besprechen die Lage.

Als ich zurück komme erzähle ich Ariane davon und treffe dabei einen wunden Punkt. Sie erzählt von ihrer Katze, die sie erst verabschieden musste und an der sie sehr hing. Loslassen fällt ihr schwer. Auch den Verlust ihrer Eltern hat sie noch nicht verarbeitet. Als Uwe sich zurückzieht, vertraut sie uns an, dass auch ihre Beziehung etwas durchwachsen ist. Mein Mann und ich erzählen von uns und ich bin dankbar dafür ganz frei und offen sprechen zu können. Keiner verurteilt den Anderen. Jeder darf sein wie er ist. Unsere Themen sind tief, manchmal auch sehr schwer aber ich nehme unheimlich viel aus diesem Gespräch mit.

Unsere Tochter wacht zwischenzeitlich auf und weint. Sie möchte zur Hundedame und nach Hause. Es dauert eine Weile bis ich sie beruhigt habe. Komisch. Sie hat nie Heimweh.

Sonntagmorgen: Die Nacht war unruhig. Es hat stark geregnet und es ist kalt und feucht. Ich mache mir Gedanken um meine Hündin. Mein Mann klagt über Zahnschmerzen und unsere Tochter hat immer noch Heimweh. Wir beschließen zügig zu packen und uns auf den Weg zu machen.

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