Wenn der Damm bricht… – Mein zweites Wochenende im Ashram

wennderdammbrichtEnde Juni stand mein zweites Ausbildungswochenende, das Kundalini Wochenende, im Ashram auf dem Programm. Ich erzähle Dir wie es war:

Freitagmorgen: Die Räubertochter schläft noch. Ich habe viel Zeit meinen Kriyas (Reinigungsübungen) nachzugehen, zu meditieren und meinen Rucksack zu packen. Ich bin gespannt auf dieses Wochenende. Kundalini Yoga. „Der Yoga, der von der Kundalini Sakti, den sechs Chakras, der Entwicklung der schlafenden Kundalini Sakti und ihrer Vereinigung mit Siva im Sahasrara handelt.“ Es kann intensiv werden, verriet mein Lehrer. Wir werden viel atmen und in die Tiefe gehen. Ich rechne mal damit, dass ich, aufgrund meiner depressiven Vergangenheit, eher Seelenthemen aufdecken statt „Kundalini Erfahrungen“ sammeln werde.

Meine Mitschülerin M. holt mich ab. Gemeinsam fahren wir weiter zum nächsten Supermarktparkplatz, auf dem wir uns mit den beiden anderen Mitfahrern treffen. Beim Bäcker sichere ich mir noch eine Brotzeit für unterwegs. Wie beim letzten Mal fahren wir zu viert, nur die Konstellation hat sich ein bisschen geändert.

Freitagmittag: Wir kommen gut durch und führen tolle, für mich wertvolle Gespräche. Ein Gefühl der Verbundenheit kommt bei mir auf. Das Wetter ist toll, die Sonne scheint und wir freuen uns auf das bevorstehende Wochenende.

Freitagnachmittag: Wir sind angekommen. Etwa eine halbe Stunde vor Schlüsselausgabe. Perfekt. Ich spüre eine gewisse Sicherheit und fühle mich nicht mehr erschlagen von all den vielen Eindrücken. Nach der Anmeldung trennen sich vorerst die Wege und wir beziehen unsere Zimmer. Ich bin im selben Schlafsaal wie beim letzten Mal untergebracht. Beim Eintreten ist der Raum leer und alle Betten sind frei. Ich habe also die Qual der Wahl und entscheide mich für eines der unteren Betten direkt am Fenster. Nachdem ich mein Bett bezogen habe (diesmal habe ich Bettwäsche und nicht meinen, für diese Jahreszeit nun wahrscheinlich viel zu warmen, Schlafsack dabei) und in bequeme Hosen geschlüpft bin, gehe ich in die Sonne und erkunde das neu errichtete Gebäude, das beim letzten Besuch noch nicht stand.

Um 16:30 treffe ich meine Fahrgemeinschaft auf der „Sonnenplattform“ für die anstehende Yogastunde. Die Lehrerin ist noch nicht lange hier im Ashram und ihre Stunde ist sehr anspruchsvoll. Ich genieße den Wind, der mir hin und wieder um die Nase weht und die Sonnenstrahlen auf der Haut.

Freitagabend: Nach der Yogastunde geht es für das Abendessen ins neue Gebäude. Der Ansturm ist groß, verläuft sich aber gut. Es gibt Nudeln und Tomatensoße, was für mich einfach immer funktioniert. Darüber smalltalke ich auch einen kurzen Moment mit dem Leiter des Ashrams und fühle mich irgendwie etwas verlegen als der „große Meister“ so plötzlich ganz dicht neben mir steht. Der Küchenchef ruft irgendjemandem zu, dass er noch Koriander für die Gruppe hätte. Ich freue mich und hake nach- der Koriander ist aber nur für diese spezielle Gruppe gedacht. Beim Nachschlag den ich mir hole (ich habe irre Hunger!), stibitzt er mir den Teller und verschwindet in der Küche. Mit extra viel Koriander oben drauf bekomme ich ihn wieder zurück und strahle ihn wie ein Honigkuchenpferd an.

Nach dem Abendessen treffen wir uns alle zum Satsang. Im Anschluss folgen wieder ein paar organisatorische Dinge und die Karma Yoga Jobs werden verteilt.

Auf dem Zimmer mache ich mich zügig bettfein, schreibe Tagebuch und kuschel mich in die Decke. Friedlich schlafe ich ein.

Samstagmorgen: Ich werde um kurz nach vier wach und muss an meine Mitschülerin M. denken, die bei unserem letzten Besuch hier immer um vier Uhr aufgewacht ist. Ich schmunzel vor mich hin, schlafe anschließend aber nochmal ein. Um 6 Uhr klingelt mein Wecker und ich schleiche mich in den Waschraum. Nach Netis und Dusche fühle ich mich bereit für den Tag. Die anschließende Tasse Tee an der frischen Luft tun ihr Übriges.

Ich sitze vorm großen Saal, in dem um 7 Uhr die gemeinsame Meditation und das Mantra singen stattfindet, und beobachte das Treiben. Das Haus erwacht langsam.

Die Meditation tut mir gut. Anschließend folgt der interessante Theorieunterricht und die morgendliche Yogastunde.

Samstagmittag: Ich liege bereits in Savasana, in meiner Anfangsentspannung, als ich die Stimme der Yogalehrerin wahrnehme. Nein, bitte nicht die, denke ich. Diese einprägsame Stimme kenne ich noch vom letzten Wochenende. Schlecht war die Stunde bei ihr nicht aber irgendwie bin ich mit ihr auch nicht so richtig warm geworden. Sie erinnert mich an Tim Burton’s Herzkönigin. Wird schon seinen Grund haben warum ich hier bin, ermahne ich mich selbst und konzentriere mich in meine Entspannung hinein.

Die Atemübungen klappen gut und ich komme in der Stunde an. Widerstand überwunden. Nun zum Sonnengruß. Sie wird für uns Harmonium spielen und die Surya Mantras singen verkündet sie. Cool. Mag ich. Sie beginnt zu spielen… und Tränen laufen mir über die Wangen. Ich weine. Ich schluchze nicht, es läuft einfach nur. Vom Sonnengruß geht es in den Kopfstand. Ich stehe, atme mich hinein und die Tränen laufen mir über die Stirn auf meine Matte. Ich gehe weiter in den Schulterstand, in den Pflug, in den Fisch… es läuft. Ich lasse es geschehen. Etwa eine dreiviertel Stunde lang. Danach scheine ich „leer“ zu sein denn die Tränen lassen nach.

Im Anschluss an die Stunde fühle ich mich etwas matt obwohl ich die Stunde an sich gut fand. Ich erzähle M. davon und erinnere mich an den letzten Satsang im Center als das Selbe passierte. Ich weinte während der gesamten Meditation. Nun frage ich mich ob sich mein Körper dadurch reinigt, irgendwelche Dinge ausschwämmt, oder ob ich gerade einfach nur um meine Hündin trauere, die ich vor ein paar Tagen verabschiedet habe.

Beim Mittagessen stehe ich immer noch etwas neben mir.

Samstagnachmittag: Ich gehe spazieren und genieße es alleine zu sein. Ich habe das Bedürfnis nach Stille und genieße die Sonne.

Etwas später telefoniere ich mit meinem Mann und unserer Tochter, die mir aufgeregt von ihren Erlebnissen erzählt. Ich erkunde den Shop, der mit Eröffnung des neuen Gebäudes umgezogen und vergrößert wurde. Ich nehme mir ganz viel Zeit und schaue mir alles genau an. Letztendlich wandert aber „nur“ ein Nasenschlauch in meinen Einkaufskorb. Anschließend steige ich hinauf ins Kloster- und Retreatzentrum. Hier oben im vierten Stock hat man Raum um außerhalb der angebotenen Stunden der eigenen Yogapraxis nachzugehen, ganz für sich. Oder aber auch an Meditationen teilzunehmen. Ich verbringe hier noch einen Moment in der Stille und fühle mich langsam wieder geerdet.

Es geht wieder in den Theorieunterricht und danach in eine zweite Yogastunde. Diesmal ohne Tränen. Anschließend treffe ich zwei meiner Mitschülerinnen am Buffet und wir unterhalten uns kurz. Es gibt wie immer leckeres Essen und heute sogar einen Rhabarberkuchen… mmhmmmm.

Ich springe unter die Dusche und schlüpfe in frische Kleidung. Der Samstagabend Satsang steht auf dem Plan. Es dauert eine Weile bis ich „reinfinde“, dann genieße ich ich ihn. Daniel, der nun eine ganze Weile im Ashram gelebt und beim Aufbau des neuen Gebäudes mitgewirkt hat, spielt mit der Gitarre seinen letzten Kirtan. Er berührt mich sehr. Aus den beiden Vorträgen des Abends kann ich viel mitnehmen.

Im Anschluss findet eine Namensgebung statt, bei der man still zusehen kann wenn man möchte. Ich ergreife die Chance und freue mich, dass ich „sowas“ nun auch mal miterlebt habe.

Zügig gehe ich ins Bett. Ich bin müde und freue mich aufs Schlafen, fühle mich aber nicht so erschöpft wie beim ersten Wochenende.

Sonntagmorgen: Die Yogalehrer in Ausbildung bekommen heute Morgen ein Extraprogramm. Statt Meditation und Singen werden wir zwei Stunden lang durch fortgeschrittene Atemübungen geführt. Zwei Stunden lang Pranayama. Ich nehme mir vor entspannt ran zu gehen (nachdem ich mich am Centerabend zuvor völlig verrückt gemacht habe) und es klappt gut. Entgegen meiner Erwartungen mache ich dann tatsächlich auch eine dieser „skurrilen Erfahrungen“ und spüre plötzlich eine enorme Hitze, fast schon schmerzhaft, auf Höhe meines Steißbeins.

Es folgt die Yogastunde. Gerne würde ich im selben Raum, bei der gestrigen Lehrerin, bleiben aber es ist keine Yogamatte mehr da. Ich wechsle das Gebäude und probiere den anderen Lehrer aus.

Sonntagmittag: Die Yogastunde nervt mich total! Der Lehrer hat für mein Empfinden keinerlei Konzept, keine Struktur, er erzählt von zig verschiedenen Traditionen (das ist ab und zu vielleicht interessant aber letztendlich bin ich doch nur wegen der Tradition hier, die hier gelehrt wird) und als er bezüglich der weiblichen Anatomie völligen Quatsch erzählt muss ich tatsächlich lachen und frage mich ob ich ihm das hinterher vielleicht mal erklären sollte. Ich spüre einen irren Widerstand gegen ihn und seine Stunde, schalte irgendwann auf Durchzug und beschäftige mich stattdessen mit mir selbst, meinen Widerständen und meiner offensichtlichen Unflexibilität wenn es um Situationen geht, die ich nicht mag, durch die ich aber durch „muss“. Oh man.

Sonntagmittag: Endlich hab ich’s geschafft und darf zum Mittagessen. Anschließend räume ich mein Bett, packe meinen Rucksack und begebe mich in den großen Saal, in dem der letzte Vortrag stattfindet. Es ist noch etwas Zeit und ich nehme mir ein paar Kissen um es mir in einer passiven Rückbeuge bequem zu machen. Ich atme bewusst ein und aus und döse ab und zu weg.

Der Theorieteil ist spanend und ich bin weniger müde als beim letzten Mal. Ein schöner Abschluss des Wochenendes.

Die Heimfahrt läuft gut und wieder finden wir schöne Themen. Irgendwann schlafe ich ein und wache wieder auf als wir Tanken. Ich würde gerne etwas essen aber die Tankstelle gibt nichts Vernünftiges her. So faste ich lieber statt mir irgendetwas „zweitklassiges“ zu kaufen. Auf dem Supermarktparkplatz verabschieden wir uns herzlich voneinander. Vor mir liegt noch eine Stunde Autofahrt alleine.

Sonntagabend: Endgültig zuhause angekommen schließt mich meine Tochter freudestrahlend in die Arme. Ich bringe sie kurz darauf ins Bett und mein Mann erzählt vom Wochenende. Zum Abschluss des Tages baue ich das Nachtquartier der Hundedame ab. Ich lasse meine Tränen ohne Widerstand laufen. Das kenne ich ja nun bereits.

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