Zusammensein in Höljes

zusammenseininhoeljes.JPGSchweden Ende Juli ’19. Wir stehen mit unserem Mowag gerne irgendwo im nirgendwo ganz alleine. An diesem einen Tag haben wir aber keine Lust mehr weiter zu fahren, als wir in der Nähe von Höljes einen schönen aber „besetzten“ Platz fanden. Kurzerhand gesellen wir uns dazu…

„Soll ich fragen, ob wir bleiben können?“, frage ich meinen Mann als wir die beiden Autos unten am Wasser stehen sehen.

Er nickt. Ich springe fröhlich hinaus und frage die beiden Damen, die da stehen, ob wir sie stören oder für eine Nacht ihre Nachbarn sein dürfen. Weniger sprunghaft freundlich aber dennoch nett sagen sie, dass sie nichts dagegen hätten. Wir parken und achten darauf, dass wir ihnen genug Raum lassen.

Da schleicht sich ein Mann an. „Da ist ja noch jemand“, grinse ich ihn frech an und sage ihm, dass die beiden Mädels ihr OK gegeben haben. Er lacht und reicht mir die Hand. Paul* heißt er, sagt er. Er macht einen handwerklichen Eindruck aber sein Händedruck ist außergewöhnlich weich.

Wir richten uns sporadisch ein und durchqueren anschließend das „Lager“ der Anderen um unsere Füße ins Wasser zu halten. Schließlich wollen wir wissen ob es zum Baden geeignet ist. Da sitzt plötzlich noch jemand. Ein junger Mann. Er plappert aufgeregt drauf los und erinnert mich an den Sohn eines Freundes meiner Schwiegereltern, bei dem wir autistische Züge vermuten. Durch sein Plappern wirkt er jünger als er aussieht. Ich schätze ihn auf etwa 27. Quer durchs Lager schießen außerdem noch zwei Jungs und ein Mädel im Alter von vielleicht 4, 7 und 10.

Wenig später, wir bauen gerade unseren Gaskocher auf, tritt die ältere der beiden Damen an uns heran und wir beginnen ein lockeres Gespräch.

Ich frage sie nach ihrem Namen. Sie heißt Paula. Paul und Paula. Mir gefällt das und ich muss schmunzeln. Als Paula aber nicht zurück lacht komme ich mir etwas dämlich vor. Sie erzählt ein wenig von ihrer Familie. Seit etwa 20 Jahren kommen sie genau an diesen Ort hier. Gemeinsam mit Tochter Lea und deren drei Kindern. Der Mann und Vater dazu fehlt. Es klingt als hätte er einen Unfall gehabt, ich traue mich aber nicht nachzufragen. Der junge, aufgeregte junge Mann ist Paulas Sohn. Er heißt Moritz und ist Autist. Deswegen habe er manchmal „komische Ausraster“. Ich erzähle ihr von unserem Bekannten und versichere ihr, dass das kein Problem für uns ist.

Paula fragt mich was ich beruflich mache und ich zögere kurz. Was soll ich ihr sagen? Ich erzähle ihr, dass ich keinen festen Job habe, bis vor einem Jahr im Verkauf tätig war. Sie wirkt etwas irritiert. Offensichtlich entsprach die Antwort nicht ihren Erwartungen.

Am Nachmittag schnappe ich mir meine Matte, mein Kissen und mache es mir etwas entfernt der Autos im Schatten bequem. Die Kinder spielen schön miteinander und mein Mann und ich haben etwas Zeit für uns selbst.

Bilderbuchmäßig sitze ich im halben Lotus und lese in einem Meditationsbuch.

Mein Mann sitzt auf seinem Campingstuhl neben mir und liest ebenfalls. Da kommt Paula zu uns herüber. „Machst Du Yoga?“, strahlt sie mich an und erzählt weiter, dass sie schon bei meinem Ausstieg dachte, ich müsse irgendetwas mit Yoga zu tun haben. Ach deswegen war meine Antwort vorhin nicht „zufriedenstellend“ für sie. Ich fühle mich ein wenig geschmeichelt. Wir fachsimpeln und ich erzähle ihr von meiner Ausbildung und etwas geknickt stellt sie fest, dass sie eigentlich gerne viel mehr Yoga üben würde.

Moritz setzt sich zu uns und vom Yoga kommen wir plötzlich auf Musik und Paula erklärt, dass Moritz leidenschaftlicher „Die Ärzte“-Fan ist. Ich sage, eher beiläufig, dass ich nun jemanden gefunden hätte, dem ich meine Sammlung vermachen kann (ich habe dutzende CDs, DVDs und Bücher der Ärzte, die ich fleißig gesammelt habe, die ihren Wert für mich persönlich aber verloren haben. Sie sind nur noch Staubfänger, ich habe keinen Bezug mehr dazu). Moritz ist begeistert von der Idee, ihm meine Sammlung zukommen zu lassen.

Am Abend essen wir gemeinsam am Lagerfeuer, Lea verwöhnt uns mit Würstchen im Stockbrotteig (fleischig und vegetarisch.. mmhhmm) und wir führen weiter schöne Gespräche bis ich mich für eine kleine Asana Praxis zurückziehe. Die Bewegung tut mir gut.

Am nächsten Morgen, meine Morgenmeditation schon hinter mir, würden mein Mann und ich gerne weiterfahren. Nur die Räubertochter hat keine Lust. Wir beschließen noch einen Tag länger zu bleiben, damit die Kids noch etwas mehr Zeit zum gemeinsamen Spielen haben.

Unsere Tochter geht mit Paul und den beiden anderen größeren Kindern Boot fahren und trägt stolz ihre leuchtende Rettungsweste umher.

Ich frühstücke und höre währenddessen Moritz zu, der im Auto Gitarre spielt. Ich schwelge ein wenig in Erinnerungen als er einen Ärzte-Song nach dem anderen dahin schmettert.

Nach dem Frühstück lassen mein Mann und ich uns Pauls Reisemobil zeigen, dass er alleine ausgebaut hat. Er führt begeistert alles vor und erzählt von seinem „schlampigen“ TÜV-Prüfer, der sich nach mehreren Ausbauten, die Paul bereits geschaffen hat, gar nicht mehr so richtig dafür interessiert. „Ich kenne Ihren Anspruch“ war die Aussage. Paul ist stolz. Anschließend wirft er einen Blick in unseren Mowag und schwärmt, dass „das noch richtiges Auto fahren ist“. Mein Mann bietet ihm an, eine Runde damit zu drehen und er strahlt.

Mittags gibt es bei uns Kartoffelpuffer. Wir essen still und heimlich hinter der vollgehängten Wäscheleine damit uns die anderen Kinder nicht sehen. Dort gibt es heute nämlich „nur“ Bohneneintopf aus der Dose. Danach spielen Lea, die Kinder und ich ausgiebig Skippo bis mein Po vom langen Sitzen weh tut. Wir bringen uns anschließend mit ein bisschen Kinderyoga wieder in Schwung. Auch Paula „zieht eine Nummer“. Sie hat meinen Kopfstand gesehen und würde ihn auch so gerne probieren. Ich nehme mir die Zeit. Die Räubertochter bastelt in der Zwischenzeit mit dem anderen Mädchen und lernt Nähen bei Lea. Ein „Feen-Zauberstab“ soll es werden.

Paula und ich üben Kopfstand, sprechen noch ein paar weitere Asanas durch und ganz allgemein über verschiedene Yoga-Arten, -Lehrer und Praktiken.

Es „menschelt“ zwischen uns. Paula spricht über ihre Gedanken, Sorgen, Traurigkeit. Über ihre Beziehung. Über den plötzlichen Tod von Leas Mann. Über ihr persönliches „Päckchen“, dass sie bei sich trägt. Ich erzähle auch einiges von mir und zwischen uns entsteht Nähe und Verbundenheit.

Am Abend sitzen wir wieder gemeinsam am Lagerfeuer. Unsere Tochter stellt fest, dass Paul an der rechten Hand nur drei Finger hat und ich weiß nun warum sein Händedruck so weich war. Er erzählt uns von seinem Bombenbau als er ein Teenager war. Er bastelte herum und das selbstgebaute Teil explodierte in seiner Hand. Dabei verlor er den kleinen sowie den Ringfinger. Gespannt höre ich zu wie OP und Heilungsprozess abliefen und bin noch ein kleines bisschen mehr beeindruckt von dem, was er aus seinem Reisefahrzeug gemacht hat.

Etwas später sitze ich nur noch mit Paula, Lea und Moritz am Feuer. Wir blättern in alten Liederbüchern und schmettern gemeinsam Klassiker wie „Verdammt ich lieb Dich“ und natürlich den ein oder anderen Ärzte-Song.

Mein persönlicher Höhepunkt ist aber die „Laurentia, liebe Laurentia mein“-Performance von Lea und Moritz. Ich bin sicher, sie hatten am nächsten Morgen Muskelkater.

Am darauffolgenden Morgen sind wir schon zeitig abfahrbereit. Im Lager gegenüber ist es noch sehr ruhig. Paul deckt etwas verschlafen den Frühstückstisch. „Wolltet Ihr nicht noch eine Probefahrt mit dem Mowag machen?“, frage ich. Ach ja da war noch was. Der Frühstückstisch ist vergessen und Räubertochter, mein Mann und Paul steigen in den Mowag ein. Ich setze mich nochmals mit Paula für ein Gespräch zusammen und drücke ihr außerdem unsere Anschrift und meine E-Mail-Adresse in die Hand. Für das „Ärzte-Paket“, das ich Moritz schicken möchte und vielleicht auch für weitere Seelengespräche per Mail. Vielleicht auch für ein Wiedersehen, falls wir in der Nähe des jeweils anderen sind.

Als die Männer+Tochter wieder zurück sind verabschieden wir uns alle herzlich voneinander. Paul drückt meinen Mann und freut sich wie ein Kind an Weihnachten, dass er Mowag fahren durfte. Wie schön ist doch der Anblick von Freude. Ich nehme Paula in den Arm, die sich bei mir bedankt.

Es ist diese besondere Art von „Danke“, die spüren lässt, dass sie ehrlich, aufrichtig und von Herzen kommt.

Paul macht ein Erinnerungsfotos von meiner Familie und mir vor unserem Mowag. Ich muss lachen. Anschließend steigen wir ein und fahren los. Alle winken uns zu, wir winken zurück.

Wenig später merke ich, wie viel Energie es mich doch gekostet hat. Die Gespräche und die gemeinsame Zeit waren intensiv. Trotzdem konnte ich viel daraus mitnehmen.

Alles Liebe für Euch! Vielleicht bis bald…

(* Die Namen in dieser Geschichte wurden geändert um die Privatsphäre der Menschen zu schützen.)

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