Verbündete in Överturingen

verbuendeteinoeverturingen.JPGAls ich das hier schreibe, stehen wir seit fast einer Woche in Schweden in Överturingen. Wir sind auf einem Campingplatz gelandet. Ungewöhnlich für uns. Ich erzähle Dir wie es dazu kam.

Es ist der erste Sonntag im August ’19. Wir sind seit zwei Wochen in Schweden, auf unserer bisher längsten Reise, als die Wasserpumpe des Mowag versagt. Mein Mann ist genervt, ich versuche die Räubertochter zu beschäftigen, die zu diesem Zeitpunkt schon keine Lust mehr auf Auto fahren hat. Mit Ach und Krach und mulmigen Gefühl fahren wir 40km weiter auf einen Naturcampingplatz damit wir „zentraler“ stehen.

Erreichbar für ADAC – im schlimmsten Fall der Fälle.

Eine „Rezeption“ oder dergleichen gibt es nicht. Stattdessen soll man die Gebühr in einen Briefkasten stecken. Mein Mann flucht, wir haben nur wenig Bargeld dabei und schon gar keine schwedischen Kronen. Ich telefoniere mit Håkan, dessen Nummer neben dem Briefkasten hängt, und der offensichtlich für den Campingplatz zuständig ist. „No problem, no problem“, sagt er ganz entspannt und bittet Euros einzuwerfen. Das klingt doch gut. Auch der Campingplatz ist in Ordnung. Er liegt auf einer kleinen Insel, wir haben also rundherum Wasser und einen herrlichen Ausblick.

Mein Mann beginnt zu schrauben, ich beginne damit das Mittagessen vorzubereiten. Er tüftelt ein wenig rum, vielleicht können wir trotzdem weiterfahren. Nach einer kurzen Probefahrt stellt er fest, dass hier gar nix mehr geht. Ich überlege bei den Häusern im Umkreis zu klingeln und nach Hilfe zu fragen. Mein Mann verweigert. Er hat keine Lust mehr, seine Nerven liegen blank…. Wir bleiben also erst einmal hier.

Am nächsten Morgen telefonieren wir mit dem Ersatzteil-Shop in Deutschland, Bekannten mit „Schrottplatz“ im Hinterhof und ADAC. Letzterer kommt mittags bei uns vorbei. Er könnte uns abschleppen, worauf wir aber gar keine Lust haben. Der Fehler ist bekannt, wir bräuchten ja eventuell „nur“ eine Adresse, an die wir die neue Pumpe senden lassen könnten. Damit kann er uns nicht dienen. Wir sollen doch in der Werkstatt 50km weiter nachfragen. Er wirft noch einen Blick in den Motorraum, gibt uns aber den Tipp damit nicht mehr allzu weit zu fahren. Na und jetzt?

Auch mich nervt das Ganze nun ein wenig. Irgendeine Lösung muss jetzt her. Kurzerhand schnappe ich mir das alte, rostige Fahrrad, das am Hüttchen des Campingplatzes lehnt und radle los, als ich sehe, dass gegenüber ein kleines Boot mit zwei Männern anlegt.

Trotz der ungewissen Situation freue ich mich darüber, nach gefühlten 100 Jahren, mal wieder auf einem Fahrrad zu sitzen. Vergnügt fahre ich über die Brücke und genieße den Wind, der mir um die Nase weht.

Ich werde freundlich lächelnd von einem Mann empfangen, der etwa das Alter meines Gatten haben könnte. Ich schildere ihm unser Problem und frage nach einer „Postadresse“, die wir nutzen könnten. Gemeinsam gehen wir zu seinem Schwiegervater, dem das Haus gehört. Der sagt mir aber, dass das „nur sein Ferienhaus“ sei und es dafür keine Anschrift gäbe. Aha. Wieder was gelernt. Haus ohne Anschrift? In Deutschland undenkbar. Er notiert mir die Adresse der Nachbarin, die fest hier wohnt. Majlis heißt sie. Er verspricht mir, mit ihr darüber zu sprechen und gleich nochmal bei uns vorbei zu kommen.

Ich radle zurück auf dem Campingplatz und freue mich. Wenn er mir schon die Adresse aufgeschrieben hat, wird das sicher klappen. Auch bei meinem Mann höre ich langsam die Last von den Schultern fallen. Wenig später halten die beiden Männer nochmal bei uns und sagen, dass die Sache klar geht. Yeah!

Mein Mann bestellt die neue Pumpe beim Ersatzteil-Shop, dessen Internetseite allerdings keinen Straßennamen mit nur zwei Buchstaben akzeptiert. In Deutschland halt auch eher ungewöhnlich. Ich hänge spontan ein paar Punkte dran. Das klappt schon.

Am Dienstagnachmittag kommt ein Mann auf einem Roller angefahren.

Er hat gehört, wir hätten eine Panne. Ob er irgendwas für uns tun kann. Ich hänge währenddessen am Telefon, quatsche mit meiner Mama und bekomme die Sache eher beiläufig mit. Trotzdem haut mich die Hilfsbereitschaft hier aus den Latschen.

Nach meinem Telefonat sagt mir mein Mann, der Rollerfahrer würde am nächsten Tag mit uns zum Einkaufen ins nächste Dorf fahren, das etwa 10km weg ist. Ich bin gerührt.

Am Mittwochnachmittag holt uns der „Rollerfahrer“ mit Auto und Frau ab. Es stellt sich raus, es ist Håkan, mit dem ich bei unserer Ankunft bereits telefoniert hatte. Auf der Fahrt quatschen wir alle fröhlich durcheinander auf englisch, deutsch und schwedisch. Wir fahren ins nächste Dorf und kaufen in einem süßen, kleinen Tante-Emma ähnlichem Laden ein, damit wir für die nächsten Tage wieder versorgt sind. Auch Håkan und seine Frau schauen mit rein und kaufen ein paar Kleinigkeiten, die ich ihnen als Dankeschön gerne bezahlen würde, was sie aber völlig schockiert und kopfschüttelnd ablehnen. Zurück auf dem Campingplatz betont Håkan, dass wir unbedingt anrufen sollen wenn wir noch irgendetwas brauchen. Wir strahlen wie Honigkuchenpferde und sind unheimlich dankbar.

Nun ist also Warten angesagt bis das neue Teil da ist.

Wir vertreiben uns die Zeit mit planschen, spielen, lesen, Kanu fahren. Der Platz könnte definitiv schlechter sein und das Wetter ist super. Obwohl jeden Tag Regen gemeldet ist, haben wir meist Sonnenschein.

Am Donnerstag wird es enger auf dem Platz. Ein alter Volvo mit kleinem Wohnwagen gesellt sich zu uns. Ein Schwede. Außerdem, das genaue Gegenteil, ein Paar mit Hannover-Kennzeichen mit einem geländefähigem Mitsubishi und großem Wohnwagen mit Satellitenschüssel und allem drum und dran. Ein ulkiger Anblick.

Am Freitagmorgen nach dem Aufstehen sehen wir, dass der alte Volvo mit geöffneter Motorhaube neben uns steht. Noch vor meiner üblichen, morgendlichen Yogapraxis frage ich ihn, ob er Hilfe braucht. Trotz eher mittelmäßigem Englisch meinerseits und noch schlechterem Englisch seinerseits kommen wir miteinander zurecht. Ein Elektrikproblem. Kabel durch. Mein Mann packt mit an und der Mitsubishi Fahrer kommt etwas später dazu. Der Schwede telefoniert währenddessen und macht einen recht überforderten Eindruck. Wenig später kommt Håkan angefahren. Offensichtlich ein Engel in Zivil hier in der Gegend 😉 Er nimmt die Autobatterie des Schweden mit um sie zu laden und kommt wenig später wieder zurück. Mit Panzertape und etwas Improvisation kriegen die Männer eine vernünftige Lösung hin. Nichts dauerhaftes aber für den Moment scheint es zu halten. Der Wagen springt an und der Schwede ist außer sich vor Freude.

„No more Camping here. It’s an Open-Air Mechanic place now“

(sinngemäß: Aus dem Campingplatz ist nun eine Werkstatt geworden), witzle ich zu Håkan rüber. Der antwortet, dass seit kurzem irgendetwas „magisches“ hier in der Luft liegt und wir spinnen weiter, dass es hier jetzt ähnlich dem Bermuda Dreieck läuft. Wir lachen alle fröhlich.

Der Schwede steckt meinem Mann 50 Kronen zu, seine Dankbarkeit ist deutlich zu spüren. Als mein Mann ablehnt, bekommt unsere Tochter den Schein in die Hand gedrückt.

Von mir aus kann die Lieferung der Wasserpumpe auch noch etwas länger dauern. Dieser Platz hier ist zwischenmenschlich ein Paradies!

Jag älskar Sverige!

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