Der Zauber eines Harmoniumkaufs

derzaubereinesharmoniumkaufsKurz nach meinem Geburtstag fuhren mein Mann und ich nach Baden-Württemberg. Ich hatte dort einen Gutschein einzulösen, den mir meine Mama geschenkt hatte, aber keinen blassen Schimmer was mich eigentlich erwarten sollte…

Sonntagmorgen um 5 Uhr im fremden Badezimmer. Mein Mann, unsere Tochter und ich haben uns bei meinen Schwiegereltern einquartiert, die sich heute um ihre Enkelin kümmern während wir „Großen“ ins Nachbarbundesland fahren. Ich bin dort mit Gudrun verabredet. Gudrun verkauft Harmonien (oder Harmoniums?). Ein paar Tage zuvor hatte ich sie bereits am Hörer.

Quirlig wirkte sie am Telefon, rastlos, etwas aufgeregt.

Wie mag sie wohl auf mich wirken, wenn ich vor ihr stehe? Viel Zeit bleibt mir nicht für meine Gedanken- wir wollen los. 300 Kilometer liegen vor uns.

Die Fahrt läuft gut, wir kommen prima durch und erreichen pünktlich und problemlos unser Ziel. Ups… ist hier eigentlich Umweltzone? Wir haben keinen grünen Aufkleber. Na jetzt sind wir schon hier.

Als ich aussteige, kommt mir Gudrun schon entgegen. Sie strahlt. Zügig lasse ich mich von ihr aufklären wie das denn hier so mit den Aufklebern ist. Aber die Aufregung war umsonst- alles entspannt. Keine grüne Zone.

Als wir zu dritt den Laden betreten atme ich ausgiebig und genüsslich ein. Es riecht nach Räucherstäbchen. Ich mag das sehr gerne, kann mir aber vorstellen, dass es für manch andere Menschen zu viel des Guten ist. Auch der erste Blick durch den Laden könnte manch einen erschrecken, denke ich mir. So viele Dinge. Auf verhältnismäßig wenig Platz. Irgendwie chaotisch. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass Gudrun ganz genau weiß wo sie was findet. Hier kann man bestimmt genauso viel Zeit verbringen wie in einer guten Bibliothek.

Viel Zeit zum Umsehen und Erkunden des Geschäfts habe ich aber nicht denn Gudrun führt mich gleich die schmalen Treppen hinauf.

Vorbei an Harmonienbergen und passenden Taschen dazu. Bis unter die Decke gestapelt.

Am Ziel sind wir aber nicht. Ich darf auch hier nicht lange gucken, es geht weiter durch einen schmalen Gang und wir landen inmitten ihres, offensichtlich privaten, Wohnzimmers. Sofort fällt mir eine riesige Shiva Statue auf. Aber wo genau ich hinsehen soll weiß ich gar nicht. Ich fühle mich ein kleines bisschen erschlagen von all den Bildern und Murtis. Und neuen Eindrücken.

Drei bis sechs Stunden kann es schon dauern bis wir ein Harmonium gefunden haben und sie mir alles Wichtige erklärt hat, verriet mir Gudrun am Telefon. Schließlich habe ich keinerlei Erfahrung mit diesem Instrument, das ich bald mein Eigen nennen möchte. Nun sitze ich hier auf dem Teppichboden und bin jetzt schon völlig reizüberflutet. Durchatmen. Das wird schon. Gudruns Mann kommt herein und begrüßt uns freundlich aber zurückhaltend. Ein kleiner Inder wie aus dem Bilderbuch denke ich und wundere mich augenblicklich über mich selbst und die Schublade, die ich gerade enttarnt habe. Kurz darauf verschwindet er in der Küche um uns Chai zuzubereiten. Mit Milch. Traditionell. Natürlich.

Ich kaufe so ein Ding zum ersten Mal und habe keinerlei Ahnung von der Marterie. Wir checken erst einmal die grundsätzlichen Dinge ab. Ich werde mein Harmonium nicht all zu viel umher tragen und wenn doch, transportiere ich es mit dem Auto. Das grenzt die ganze Sache schon mal etwas ein. Trotzdem dürfen mein Mann und ich einen Blick auf die verschiedenen Modelle werfen. Es gibt sehr kleine, gut transportable Instrumente und größere Stand-Instrumente. Welche die man im Koffer „versenken“ kann und welche die schlicht einen Deckel besitzen. Ganz natürlich aber auch mit rotem Lack. Eigentlich ist mir das alles egal. Es soll gut klingen. Darauf kommt’s doch an.

Gudrun kann offensichtlich meine Gedanken lesen und plaudert aus dem Nähkästchen.

Von Kunden, die zu ihr kommen und eine ganz genaue Vorstellung davon haben wie ihr Harmonium aussehen soll. Das entspricht aber häufig so gar nicht dem, was passt.

Es gibt die lauten, schreienden, kreischigen für die Krishnas und die ruhigen, meditativen, leisen wie sie bei uns Westlern eher gefragt sind. Einschlafen will ich nicht. Kreischen aber auch nicht. Meditativ ist schön aber ein mitreißendes Jaya Shiva Shankara soll schon auch mal drin sein. Puh. Ok wir spielen jetzt einfach mal.

Gudrun zeigt mir einen Akkord und ich freunde mich erst mal mit so einem Teil an. Alles klar. So funktioniert das ungefähr. Auch mein Mann wird abkommandiert. „Komm, probier Du auch mal“, sagt sie zu ihm und ich spüre, dass ein Nein hier zwecklos wäre. Lachend und gespannt beobachte ich, wie sich mein Mann von der Couch auf den Boden gleiten lässt. Auch er lässt sich zeigen, wie er drei Finger seiner rechten Hand auf der Tastatur platzieren soll. Ich bin begeistert, dass er sich darauf einlässt und dankbar, ihn an meiner Seite zu haben.

Wir probieren uns durch die verschiedenen Instrumente, die für mich anfangs alle gleich klingen. Oh! Das ist so ein Krishna Ding. Jetzt verstehe ich, was Gudrun meinte. Ah! Das ist nun die melodischere Variante. Ja sowas mag ich.

Aus sämtlichen Räumen und Ecken zieht Gudrun die verschiedenen Harmonien vor. Sie erzählt, dass sie die Instrumente teilweise selbst noch gar nicht ausprobiert hat und jetzt zum ersten Mal spielt, nachdem sie ihr Mann hergerichtet und gestimmt hat. So ganz kann ich ihr noch nicht folgen, vertage es aber einfach auf später und beobachte gespannt, wie zügig Gudruns Finger über die Tasten wandern. „Zeig mal, wie schnell Du kannst“, sagt sie gerade zu dem Harmonium, das vor ihr steht und ich spüre ihre Leidenschaft dabei.

„Guck der braucht etwas länger als der andere. Wenn Du irgendwann Übung hast, läuft es Dir dann hinterher. Das ist nichts für Dich. Du hast Power.“

Inzwischen haben wir „meinen“ Hersteller, „meinen“ Instrumentenbauer gefunden. Genau das, was ich möchte. Nun gibt es aber auch innerhalb einer Baureihe Unterschiede. Jedes Instrument ist handgefertigt und klingt ein wenig anders.

„Jetzt brauchen wir mal Stimme drauf“, sagt Gudrun. Ja wie? Ich kann ja noch nix spielen. Was soll ich da singen? frage ich mich im ersten Moment, begreife aber schnell, was sie meint. Ich spiele eine Art Tonleiter, wandere mit dem anfangs gezeigtem Akkord immer weiter hinauf und singe Aaaaaaaaaaa dazu. „Schön. Tonleiter brauch ich Dir nicht erklären“, sagt Gudrun und ist offenbar zufrieden mit mir.

Ich singe gerne und viel. Vor allem mit meiner Tochter. Gelernt hab ich das aber nicht. Ich mache das also oft auf die ulkige, überzogene Art ohne mir wirklich Mühe zu geben, die Töne zu treffen.

Nun singe ich zum ersten Mal alleine vor meinem Mann und einer „fremden“ Frau. Nicht auf die ulkige Art sondern ich bemühe mich. Das kostet Überwindung. Aber es wird leichter. Mit jedem Instrument, dass mir Gudrun bringt und ich ausprobieren soll.

Und auf einmal… findet genau DAS Harmonium zu mir.

Ich spiele meine „Tonleiter“ und meine Stimme verschmilzt mit dem Ton, dass das Instrument von sich gibt. Ein Zauber umgibt mich. Im Film würden nun Sterne um mich herum tanzen denke ich und fühle, wie sich meine Mundwinkel heben. Wow!

Um sicher zu gehen vergleichen wir nochmal mit einem anderen. Das eine klingt „weicher“, das andere „klarer“. „Du brauchst genau diese Klarheit“, sagt Gudrun.

Es ist vollbracht. Das Harmonium hat mich als neuen Besitzer auserkoren. Und ganz zufällig ist es rot gelackt. Eine meiner Lieblingsfarben.

Nun kommt Gudruns Mann dazu. In seinen Händen ein Harmonium wie es „aus dem Container kommt“. Die Tasten hängen hier und da, alles klingt etwas schräg. „So kommen die bei uns an. Mein Mann sitzt da zum Teil mehrere Stunden dran, bis man die überhaupt bespielen kann“. Ach… jetzt kann ich ihr folgen.

Aufmerksam beobachten wir wie er einzelne Schrauben löst und uns nun das Innenleben des Harmoniums präsentiert. „Die kommen von weiter weg, die können nicht wegen jeder Kleinigkeit herkommen“, sagt Gudrun zu ihrem Mann. Im Crashkurs bekommt vor allem mein Mann, der Schrauber von uns beiden, erklärt wie in dem Kasten alles funktioniert, was er zu tun hat wenn eine Taste hängt und so weiter.

Etwa drei Stunden später, es ging doch zügiger als gedacht, packt Gudruns Mann mein Harmonium in die Tasche und wir verlassen das Wohnzimmer.

Schnell zeige ich meinem Mann noch den großen Shiva, über den ich ihm vor einiger Zeit erst vorgelesen hatte. Gudrun fragt eher rhetorisch: „Du bist Shiva Fan?“ Ich nicke. „Na mal sehen was wir für Dich noch finden können.“

Im Erdgeschoss im Geschäft angekommen beginnt Gudrun in ihren Regalen zu wühlen. Sie sucht einen Shiva Wandteppich für mich und zeigt mir zwei verschiedene. Ich darf mir einen aussuchen. Anschließend zeigt sie mir stolz ihre großen Statuen im Schaufenster. Sie erzählt von verschiedenen Göttern, wer mit wem zusammenhängt, wer wessen Kind ist… ich könnte ihr stundenlang zuhören. Auf dem Weg nach draußen bleiben wir nochmals hängen. Ein Shiva Bild zum Aufstellen oder Aufhängen darf auch noch mit uns mitkommen. Ein weiteres Geschenk. Ich bin hin und weg.

Wir stehen vor Gudruns Geschäft. Ich drücke sie zur Verabschiedung. Sie betont, dass es viel Spaß gemacht hat mit uns und dass es „so leicht ging“ im Vergleich zu anderen bei denen es einfach ständig stockt. Ich fühle mich geschmeichelt und mein Eindruck bestätigt sich. Es lief. Fast von ganz allein fand ein Instrument zu mir.

Um ein Harmonium, eine tolle Begegnung und eine aufregende Erfahrung reicher machen sich mein Mann und ich wieder auf dem Heimweg.

PS: Unbezahlte, von Herzen kommende Werbung für Gudrun. Du bist ne Wucht!

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2 Antworten auf “Der Zauber eines Harmoniumkaufs”

  1. Meine Liebe, du weißt ich habe eine blühende Phantasie. Als ich deinen Beitrag gelesen habe, habe ich mir dich wie Harry Potter in Olly Wanders Zauberstabladen vorgestellt.
    Liebe Grüße an dich und deine Familie
    Jacks

    Liken

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